Der Bioschwule

Bei einem Treffen schwuler Väter, wo einige auch mit deren Partnern erschienen sind, stellte sich einer der Teilnehmer, er war vielleicht 60 Jahre alt, mit einem leicht verschmitzten Lächeln, doch erkennbar nicht ohne Stolz, als ‚Bioschwuler‘ unserer kleinen Gesprächsrunde vor.

 

Scheinbar ebenso unwissend wie ich und ein wenig verschämt darüber den Ausdruck noch nie gehört zu haben, fragte jemand in der versammelten Runde, was das denn sei: Bioschwul?

 

 

Naja, er sei ein Bio-Schwuler, eben ein Immer-Schon-Schwuler, wusste schon mit 14/15, dass er schwul ist und hatte bereits mit 16 seine erste schwule Beziehung.

Klar, das unterschied ihn von den anderen in der Runde, die ausnahmslos schwule Väter waren. Er hatte sich noch nie auf eine Frau eingelassen, war schon früh sich seiner Gefühle sicher gewesen, hatte nie eine Familie gegründet. So war er in der Tat in dieser Runde etwas Besonderes.

 


Bioschwul, ein seltsames aber irgendwie auch schönes Wort. Denn ganz ehrlich, ich bin wahnsinnig neidisch auf sie, die Bioschwulen. Wie gerne wäre ich ein Bioschwuler geworden! Wie sehr beneide ich sie um die schon in jungen Jahren gemachten schwulen Erfahrungen und werde ganz wehmütig wenn ich nur daran denke was bei mir alles hätte anders gewesen sein können . . .

 

Neidisch und zugleich auch etwas ärgerlich und verunsichert. Denn ganz offensichtlich grenzt der Begriff sich von mir als Spät-Geouteten ab und berührt mich in der Frage meines Selbstverständnisses, stößt mich auf die Fragen, die ich mir immer ja selber immer wieder stelle: Wieso bin ich kein Bioschwuler geworden? Wieso gehöre ich nicht zu den Früh-Geouteten? Was ist falsch gelaufen in meinem Leben? Wer oder was trägt eine Mitschuld daran? Muss ich mich nicht für mein spätes Schwul-Sein erklären? Doch hat bisher nie je ein Schwuler mich danach gefragt, geschweige denn mein Schwul-Sein in Frage gestellt. Warum auch?

 

Ich selber stelle mir diese Fragen seit meinem Outing vor zwei Jahren und habe lange und oft darüber nachgedacht, rekapituliert und viele Gründe dafür gefunden, warum etwas in dieser und jener Zeit so und nicht anders verlief, habe ein paar Punkte im Leben ausgemacht an denen durch eigene Entscheidungen es anders hätte verlaufen können, habe Entwicklungslinien nachgezeichnet und vieles gefunden das als Erklärung für meine Handlungen herhalten könnte. Aber all das wirkt auf mich eher wie ein Puzzlespiel das lose und zerstreut über den Boden liegt und dessen Teile nicht wirklich zusammenpassen.

 

Heute ist mir klar: es ist keine solche Entwicklung gewesen. Es gab keine Folge von kleinen Ereignissen die unabdingbar letztlich zu meinen Outing haben führen müssen.

Vielmehr war es ein Bruch, oder besser: Es war ein Ausbruch, ein bedingungsloser Ausbruch von tief in mir liegenden Gefühlen die an die Oberfläche drängten. Genau so hat es sich angefühlt, genau so habe ich es erlebt und so ist es folgerichtig auch ein Bruch in meiner Biografie. Der lässt sich nicht glätten, lässt sich nicht beschönigen. Ich bin heute tatsächlich jemand anderes: Ich bin heute mehr 'Ich' als ich es je war. Die Person die ich einmal war, - ich würde heute sagen, die ich einmal dargestellt habe – ist mir fremd, es gibt sie nicht mehr. Und ich bin sehr froh, dass es diesen Bruch gibt. Denn jetzt gibt es mich, den späten Bioschwulen!


P.S.: über die englische Entsprechung des Begriffs heißt es übrigens im urban dictionary:
biogay is someone who is genetically modified to be bisexual

 

 

Frank

 

 

Erstellt im Januar 2019


Einfluss auf den Schutz von LGBTQs im Internet

Folgende Mail habe ich von Emma vom vpnMentor bekommen:

 

Hallo,

ich habe gesehen, dass Sie lsvd.de / hier
www.ans-andere-ufer.de/links/ erwähnt haben, und ich wollte Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre Arbeit an LGBTQ-bezogenen Themen ausdrücken.


Es wäre nett, wenn Sie vielleicht auch einen kleinen Leitfaden zum Thema Sicherheit von LGBTQs im Internet veröffentlichen könnten, der kürzlich herausgegeben wurde. Wussten Sie, dass 73% der LGBTQs aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität im Internet angefeindet und schikaniert werden? Der angesprochene Leitfaden soll den Betroffenen dabei helfen, sich gegen diese Anfeindungen zu wehren und sich vor diesen zu schützen.

 

Hier dazu der Link: 

https://de.vpnmentor.com/blog/die-meiste-lgbtqs-sind-opfer-von-cybermobbing-so-bleibst-du-online-sicher/

 

Es werden konkrete Tipps und praktische Anweisungen für alle nur erdenklichen Situationen gegeben.

 

Vielen Dank für Ihren aktiven Beitrag zum Schutz von LGBTQs im Internet

 

Emma

 

 

Der Artikel von vpnMentor gibt viele Informationen über das Verhalten im Internet und wie man sich gegen Cyber-Mobbing wehren kann. Vor allen Dingen kann man sich Vorbeugend schützen. Einfach mal durchlesen.

 

 

Norbert

 

 

Erstellt im Januar 2019